Beieindruckende Inszenierung im Kreuznacher PuK: Eine Erinnerung an Anne Frank

Die Szenerie der Bühne für das Puppentheaterstück „Anne Frank – dem Vergessen auf der Spur“ wirkt erschütternd, zeugt von Spuren der Gewalt: Das Mobiliar ist demoliert – eine kaputte Stehlampe, ein zerstörter Küchentisch, ein altes Radio, ein umgeworfener Eimer. Am Schrank hängen mehrere Schwarz-Weiß-Porträts von Anne Frank und sieben weiteren Menschen. Zwei lange Jahre (über-)lebten sie in ihrem Versteck, bis die Nazi-Schergen sie aufspürten und in die Vernichtungslager deportierten.

 

Von Harald Gebhardt
2. November 2023

 

Überlebt hat von den „Untergetauchten“ nur Anne Franks Vater Otto. Das jüdische Mädchen selbst stirbt in Bergen-Belsen im März 1945 – zwei Tage vor der Befreiung Hollands. Die Installation auf der Bühne zeigt, wie Otto Frank nach seiner Rückkehr aus Auschwitz das alte Versteck in einem Hinterhaus der Prinsengracht in Amsterdam vorgefunden hat. 

Eine einfühlsame Erinnerung 

Es ist ein dokumentarisch-biografisches Theater mit Objekten und Puppen – halb Lesung, halb Figurenspiel. Die Bühne ist in fahles, düsteres Licht getaucht, ein Spiel mit spärlichem Licht, nuanciert und viel Schatten. Die beiden Spieler Inga Schmidt und Stefan Spitzer vom Figurentheater Die Artisanen aus Berlin sind dunkel gekleidet. Sie bieten eine beeindruckende, bedrückend-ergreifendende, eindringliche Inszenierung der leisen, nachdenklichen Töne. 

Es ist dabei nicht das brillante, filigrane Puppenspiel, es ist die Inszenierung, die das Besondere des Stücks ausmacht: eine einfühlsame Erinnerung an Anne Frank. Ihr Tagebuch wird auf sehr behutsame Weise lebendig. Die Inszenierung verfehlt ihre Wirkung nicht. Auch das Publikum bleibt das ganze Stück über ruhig, verzichtet auf Beifall zwischendurch. 

761 Tage lang versteckt 

Hinterlegt wird der sensible Vortrag mit Musik und Geräuschen: Sirenengeheul, Flugzeuge sind im Hintergrund zu hören, Kriegsgeräusche, marschierende Soldaten, Explosionen, die BBC, das Radio Oranje am D-Day. „Die Hoffnung gibt uns wieder Mut“, notiert Anne in ihr Tagebuch. Auf der Bühne gibt es vergleichsweise wenig zu sehen. In einem Setzkasten befinden sich die acht kleinen Püppchen. Zitate und kurze Hörspiele, einzelne Szenen geben die Situation wieder. Licht wird spärlich eingesetzt, beleuchtet nur die Puppen. 

761 Tage, von 1942 bis 1944 hat sich Anne in dem Hinterhaus versteckt, mit sieben anderen Menschen – und mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten, ihren Ängsten und Widersprüchen. „Wie fühlt sich das an – mit anderen Menschen auf engsten Raum zu leben, sich leise zu verhalten, immer Angst zu haben, 

    

entdeckt zu werden, sich zu verlieben?“ Anne hat dieselben Probleme, Empfindungen wie andere pubertierende Teenager: Familie, Schwärmereien von der ersten Liebe, Einsamkeit, die Suche nach der eigenen Identität. Sie ist voller Widersprüche, im Tagebuch schreibt sie sich all das von der Seele, ihre Furcht, die Diskriminierung, Ausgrenzung – an eine imaginäre Kitty, wie sie ihr Tagebuch nennt, als das sie ihr rot-weiß kariertes Poesiealbum nutzt, das sie zu ihrem 13. Geburtstag 1942 geschenkt bekam. 

„Ich will fortleben – auch nach meinem Tod“ 

Dienstag, 1. August 1944, der letzte Eintrag: „Wenn so auf mich aufgepasst wird, werde ich erst recht schnippisch, dann traurig, und schließlich drehe ich mein Herz wieder um, drehe das Schlechte nach außen, das Gute nach innen und suche immer nach einem Mittel, so zu werden, wie ich so gern sein möchte, und wie ich sein könnte, wenn ... ja, wenn keine anderen Menschen auf der Welt lebten.“ Damit endet Annes Tagebuch. 

Schriftstellerin wollte sie werden. „Ich weiß, dass ich schreiben kann. Ich will fortleben – auch nach meinem Tod.“ Das sind die letzten Sätze aus ihrem Tagebuch, die zitiert werden. In der letzten Szene ist ihre Figur noch einmal zu sehen – im Lichtkegel, ganz allein im Zentrum. Das Licht geht aus. Die Bühne wird dunkel, ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Dann Stille. Es dauert eine Weile, bis die beiden Spieler vortreten, der Applaus setzt ein. 

Stück heute wieder aktueller denn je 

Es ist eine bemerkenswerte, eine starke Aufführung im wieder einmal ausverkauften PuK-Theatersaal, eine eindringliche Inszenierung, die sich (bis auf Kinder) Zuhörer aller Altersklassen ansehen. 2019 hatte das Stück Premiere, dann kam die Corona-Pandemie. Heute, im Herbst 2023, ist es leider wegen der Ereignisse in Nahen Osten und dem Aufkommen des Antisemitismus, auch wieder in Deutschland, aktueller denn je.