„Jeder Tag ein Abenteuer“

An der Schaubude Berlin präsentieren die Artisanen mit "Ronja Räubertochter" die Geschichte eines jungen Mädchens, das erwachsen wird.

Dieses Stück ist für Kinder, die wild und mutig sind. Für Kinder, die sich nicht vor Blitz und Donner fürchten. Sie dürfen keine Angst haben vor Rumpelwichten, vor klagenden Gesängen der Unterirdischen, die in das Totenreich locken, nicht vor dem Höllenschlund, nicht vor Druiden, die ihre wehrlosen Opfer zerfleischen wollen … ja, nicht einmal vor dem Schlimmsten, was einem Kind passieren kann: von dem eigenen Vater verstoßen zu werden.

Ronja, die Räubertochter, ist 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal die Mattisburg verlassen darf. Sie streift durch den Wald und ihr eröffnet sich eine neue Welt. Der Wald ist geheimnisvoll, mitunter gefährlich, aber auch ein Ort zum Spielen, zum Klettern, zum Tanzen und zum Entdecken. Hier trifft Ronja den Nachbarsjungen Birk, dessen Vater einen Teil der Mattisburg erobert hat, weswegen die Eltern beider Kinder tief verfeindet sind. Trotz der erbitterten Feindschaft beider Familien entsteht zwischen den Kindern im Laufe der Zeit eine innige Freundschaft und sie stellen fest: Räuber*innen wollen sie eigentlich gar nicht werden. Anderen Menschen, ohne vorher zu fragen, etwas wegzunehmen, das sei doch ungerecht! In die Fußstapfen ihrer Väter wollen sie nicht treten.

Als der Räuberhauptmann Mattis, Ronjas Vater, Birk gefangen nimmt, um dessen Vater zu erpressen, eskaliert die Lage. Spätestens hier wird klar: Dieses Stück handelt nicht nur vom Erwachsen-Werden, sondern ist gleichzeitig eine Geschichte über das Versagen von Eltern. Während in jüngster Zeit Millenial-Autor*innen zahlreiche Filme wie beispielsweise Encanto produzieren, in denen eine Generation von Eltern sich bei ihren Kindern entschuldigt, so bleibt dieses Stück noch im alten Paradigma. Dies verwundert nicht, da die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren den Klassiker Ronja Räubertochter, dessen Handlung in dieser Inszenierung relativ originaltreu wiedergegeben wird, schon vor über 40 Jahren schrieb. So verhalten sich die Eltern hier wie Kinder, was dazu führt, dass die Kinder sich – eigentlich viel zu früh – wie Erwachsene verhalten müssen. Nicht die Eltern leben ihren Kindern Respekt, Freundschaft, Gewaltfreiheit und bedingungslose Liebe vor, sondern ihre Kinder leben diese Werte – und verändern dadurch ihre Eltern und die Welt. In der Jugend liegt hier, Lindgrens Utopie zufolge, die Hoffnung.

Inga Schmidt und Stefan Spitzer gelingt es, tiefe Gefühle wie Angst, Traurigkeit und Berührtheit auszulösen und diese gleichzeitig immer wieder mit Witz, Spiel und Spaß aufzulockern und damit kindgerecht aufzufangen. So verhalten sich die drei Rumpelwichte wie tollpatschige Kleinkinder, die durchgehend spielen, essen wollen, zu Mama rennen oder lustige Fragen stellen. Auch der zunehmend eskalierende Streit zwischen den Familien, der in einem Zweikampf beider Väter resultiert, wird mit Komik gespielt und bringt Kinder wie Eltern zum Lachen. Die toxischen Väter werden ironisch gebrochen und damit zu Witzfiguren, die niemand ernst nehmen kann. Dass den Puppenspieler*innen, die beide ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ absolviert haben, ihr Handwerk liegt, wird schnell klar. Die 50 Minuten werden in einem rasenden Tempo gespielt, der Erzählbogen ist zum Anschlag gespannt, fesselt bis zum Ende und die liebevoll gestalteten Puppen versprühen kindliche Lebendigkeit.

So ist die Inszenierung, auch wenn sie eine Geschichte über ein jugendliches Mädchen erzählt, das sich von seinen Eltern abzugrenzen beginnt, auch für Kinder ab sechs Jahren geeignet. Denn die Spielweise ist an sie adressiert: Ronja und Birk fordern sich gegenseitig heraus, raufen zusammen, verwenden freche Schimpfwörter, lachen und spielen, schlagen Purzelbäume und begegnen dem Wald und dem Leben mit mutiger Ausgelassenheit und kindlicher Naivität und Freude. So endet das Stück dann auch nach zahlreichen bestandenen Abenteuern mit einem kraftvollen, triumphierenden und befreienden Frühlingsschrei der beiden Hauptfiguren, der noch lange Zeit nachhallt.

 

Von Alina Lebherz

 

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